Babylon Berlin: Interview

„Wir haben eine ganze Stadt vor Augen gehabt - als große Bühne. Ein Spielplatz für alle Fälle."

Uli Hanisch begann 2015 mit der Arbeit an dem historischen Serienprojekt BABYLON BERLIN, für das er als Szenenbildner auch die neue permanente Außenkulisse NEUE BERLINER STRASSE / METROPOLITAN BACKLOT in Studio Babelsberg entwarf.

(Foto: Anne-Lena Michels)

Du hast das Design für die neue Außenkulisse von Studio Babelsberg, die Neue Berliner Straße, entworfen. Was waren dabei für Dich die größten Herausforderungen?

Uli Hanisch: Eine komplexe Kulisse zu schaffen, die ganz Berlin in seinen diversen Facetten darstellt und gleichzeitig bündelt. Die Stadt ist ja architektonisch sehr homogen und in den meisten Teilen innerhalb kürzester Zeit erbaut worden. Das komplexe Groß-Berlin ist zwischen 1870 und 1920 mit einem Schlag nahezu gleichzeitig entstanden. Also eine vergleichsweise junge Stadt im europäischen Kontext. Da muss echt was losgewesen sein!

Gleichzeitig wissen wir, dass Berlin in jedem Stadtteil, jedem Kiez, bis heute fast ein eigenes Universum ist. Manchmal muss man ja nur die Straßenseite wechseln und ist in einer anderen Welt! Das sind schöne Kontraste in der Anforderung.

Dazu noch ohne konkrete Drehbücher zu arbeiten, die uns spezielle Vorgaben gestellt hätten. Wir kannten ja damals nur die Romane von Volker Kutscher und wussten grob worum es gehen wird. Es gab aber noch keine richtig spezifischen Zuordnungen von Situationen oder den Figuren. Wir wussten sehr lange selber noch nicht, wo Gereon Rath wohnen wird, oder Charlotte Ritter. Das hat Vor- und Nachteile! So haben wir einfach eine ganze Stadt vor Augen gehabt. Als große Bühne. Ein Spielplatz für alle Fälle.

Was sind die Besonderheiten? Warum sind die Fassaden alle etwas versetzt zueinander und verzichten auf eine rechtwinklige Anordnung?

Die Straßen verlaufen tatsächlich eher organisch als geometrisch. Ich arbeite ja sowieso gerne mit eher aufgeweichten Grundrissen und entwickle die Formen und Anordnungen lieber inhaltlich und formal frei als streng architektonisch. Bei Straßenzügen finde ich das Prinzip aber fast zwangsläufig! Sehr viele Straßen haben sich doch im Laufe der Zeit verändert, verschoben, sind gewachsen oder geschrumpft. Das würde ich schlicht als „lebendige“ Architektur bezeichnen - im wahrsten Sinne des Wortes! Dazu kommt noch, dass die Kamera gerne mit Winkeln operiert und sich an ihnen orientiert, um gute Bilder zu finden. Wenn man in die Fluchten der Straßenzüge schaut, sind die ja immer noch „gefühlt“ gerade. Sie sind aber eben nicht schnurgerade und wie am Reißbrett entworfen. Das käme mir falsch und leblos vor!

Die Dimensionen der Straßen sind sehr großzügig und die Kreuzungen wirken verschoben. Noch mehr die Anordnungen der Hinterhöfe. Warum?

Eine Besonderheit in Berlin sind ja die fast übertrieben breiten Gehwege. Selbst in harmlosen Anwohnerstraßen sind sie oft und gerne vier Meter und breiter. Das gibt es wirklich selten in anderen Städten! Dadurch bekommen die Straßen eine ungewöhnliche Proportion im Verhältnis zu den Gebäuden. Wir wollten von dieser Großzügigkeit so viel wie möglich einfangen.

Die verzogenen Kreuzungen folgen natürlich in erster Linie dem Verlauf der „schiefen“ Straßen, aber wir wollten auch hier Blickwinkel schaffen, die viele Varianten zulassen. Bei den Höfen hatten wir zuerst ganz tiefe Fluchten geplant, aber dadurch liefen wir Gefahr, unser eigenes System zu verraten, weil wir plötzlich direkt von einem Stadtteil in den nächsten geschaut haben. Also, vorne das reiche Charlottenburg und hinten der ärmliche Wedding. Das ging ja nicht! So haben wir die Höfe so verschachtelt, dass man zwar kreuz und quer durch sie hindurch kommt, aber sie nie ganz durchschaut.

Welche Vorteile bietet eine Außenkulisse wie die NEUE BERLINER STRASSE im Vergleich zu einem Dreh in der Innenstadt?

Der größte Vorteil ist natürlich die geschlossen historische Berliner Stadtarchitektur, vor all den Kriegsschäden und baulichen Veränderungen nach 1945. Abgesehen davon, wie lange das nun schon her ist, hat sich Berlin, wie alle Städte, auch über die Zerstörungen hinaus bis heute rasant verändert. Für Dreharbeiten eine vergangene Zeitepoche komplex wiederzubeleben stößt in einer geschäftigen Metropole heute zwangsläufig immer mehr auf Grenzen. Verkehrsführungen, Parkverbote, gestörte Anwohner, Ladenlokale mit Geschäftsausfall, störende, moderne Elemente, leuchtende Fassaden, zu viel Begrünung… Die Liste ist ja endlos und es wird nicht einfacher, alle Auflagen zu erfüllen und hier auf jeden Rücksicht zu nehmen.

Ich glaube, dass es deshalb auch über die historischen Aspekte hinaus für Produktionen immer bedenkenswerter wird, den „Wanderzirkus“ eines umherziehenden Drehteams von einem Drehort zum anderen zu überdenken und eventuell selbst für zeitgenössische Stoffe in die Neue Berliner Straße zu kommen. Dafür müssen aber natürlich die Bedingungen stimmen und Kosten und Nutzen gegeneinander aufrechenbar sein.

Welche Aufnahmen von BABYLON BERLIN in der Außenkulisse waren für Dich am spannendsten?

Ach, das ist schwer zu sagen. Es war spannend zu verfolgen, wie und ob unser Konzept der ständigen Veränderungen aufging. Wir hatten ja viel mehr Drehorte in der Straße als es wirklich immer neue Ecken gab und haben ständig die Vordergründe verändert und die Hintergründe mit Green Screen abgedeckt um sie hinterher digital zu variieren. Oder sie wurden schlicht rausgehalten, nass gemacht, im Nebel verhüllt, in nächtliche Dunkelheit getaucht oder mit sonstigen Methoden aus der Trickkiste bearbeitet. Ob das gut geht, mussten wir halt mühsam ausprobieren. Ich finde, es ist ganz gut gelungen…

Wie geht es denn weiter mit BABYLON BERLIN?

Wir sind gerade in der Vorbereitung für die dritte Staffel. Gedreht werden soll im November dieses Jahres. Neben vielen bekannten Schauplätzen aus den ersten beiden Staffeln kommen auch viele neue Themen auf uns zu, so dass es wirklich nicht langweilig wird im Moment!

Wir planen natürlich auch in die NEUE BERLINER STRASSE zurückzukehren. Am Konzept alle möglichen Straßen und Plätze ausnahmslos hier zu drehen, wollen wir weiter festhalten. Ich freue mich schon darauf, die ganze Kiste wieder zu beleben!

Welche Projekte kannst Du Dir zukünftig in der Außenkulisse vorstellen?

Na, so viele Unterschiedliche wie möglich! Die Idee des „Hybrid-Baus“ sieht ja vor, die Straße immer erst digital zu vervollständigen. Und da sind ja den Möglichkeiten keine Grenzen gesetzt! Ich würde mich echt freuen, die Straße auch mal ganz anders zu sehen. Wir haben mit dem Ursprungsentwurf nur den Anfang gemacht. Jetzt sollen alle anderen, die kommen, ihren Spaß haben und sich hier austoben…

Mehr Infos zum METROPOLITAN BACKLOT

Uli Hanisch, geboren in Nürnberg, wächst im Ruhrgebiet auf und arbeitet zunächst als Grafiker. 1990 beginnt er die Filme von Christoph Schlingensief gestalterisch umzusetzen. Wenig später arbeitet er mit Helge Schneider. Hanisch betreut Filme vieler namhafter Regisseure wie Adolf Winkelmann, Sönke Wortmann, Max Färberböck, Andreas Dresen, Oliver Hirschbiegel oder Leander Haußmann.

Seit 2009 arbeitet Hanisch auch immer wieder im Ausland bei amerikanischen Produktionen. Seit vielen Jahren verbindet ihn eine enge Zusammenarbeit mit Tom Tykwer. Unter anderem 2005 „Das Parfum“, für das er mehrere Filmpreise erhält und bei der amerikanischen Produktion „The International“ im Jahr 2007.

Für die Produktion „Cloud Atlas“, erhält er 2012 seinen dritten Deutschen Filmpreis.

Uli Hanisch doziert seit 2001 als Gast an allen relevanten Filmhochschulen Deutschlands. 2018 übernimmt er eine Professur an der Internationalen Filmschule in Köln.

Fotos: © Anne-Lena Michels, © Uli Hanisch / X Filme, © Studio Babelsberg AG

 
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