Ein verborgenes Leben: Interview

„Immer auf der Suche nach dem perfekten Licht...“

Sebastian Krawinkel arbeitet seit über 20 Jahren zuerst als Art Director, heute als Production Designer für deutsche und internationale Filmproduktionen. Seit seinem Designstudium am Art Center in Vevey/Schweiz ist er in der Werbung, im Bereich Interior Design und für Kinofilme tätig. Zu seinen unzähligen Credits gehören u.a. DER PIANIST, V WIE VENDETTA, DAS BOURNE ULITMATUM, NINJA ASSASIN, INGLOURIOUS BASTERDS, A MOST WANTED MAN und zuletzt EIN VERBORGENES LEBEN. Für sein Production Design im Film ANONYMOUS erhielt er 2012 den Deutschen Filmpreis.

EIN VERBORGENES LEBEN hat eine einzigartige Bildsprache: beklemmende, dunkle Gefängnisse, weite helle Landschaften, steile Felder und Wiesen und auch das Originalhaus von Franz Jägerstätter. Welche Herausforderungen bestanden für Dich beim Konzeptionieren und Gestalten dieser vielfältigen Sets?

Sebastian Krawinkel: Die Herausforderung bestand darin, die passenden Motive für den Film zu finden. Die Mittel waren begrenzt, daher waren große Bauten nicht möglich. Bei einem historischen Film mit kleinem Budget braucht es viel Zeit, um geeignete Drehorte auszumachen. Glücklicherweise hat mir Markus Bensch (Location Executive Studio Babelsberg) dabei geholfen und zusammen mit Leo Baumgartner (Location Scout Südtirol) in Südtirol, Österreich, Zittau und Berlin alles gefunden, was den Film ausmacht.

Im nächsten Schritt habe ich Terry [Terrence Malick, Anm. der Redaktion] eine engere Auswahl vorgestellt. Für die meisten Motive hatte ich drei zur Auswahl, was die nächste Schwierigkeit mit sich brachte… Terry fand alle Motive so toll, dass er keine Auswahl getroffen hat, sondern in allen Motiven drehen wollte bzw. dann auch gedreht hat. Auf einmal war die Arbeit verdreifacht, das Budget aber dasselbe!

Über siebzig Motive auf drei Länder verteilt und nur 40 Drehtage ist eine organisatorische Herausforderung. Die verschiedenen Etappen der Feldarbeit, in Abstimmung mit dem Drehplan, die Planung, wann was wächst, wann das Gras gesenst, der Acker bestellt, das Korn geerntet werden kann, waren knifflig.

 

Welches Set war für Dich am spannendsten und warum?

Spannend war vor allem die Recherche über Franz Jägerstätters Leben und die Reise zu den verschiedenen Etappen seines Schicksals: sein Dorf, sein Haus, seine Familie, die drei Gefängnisse, das Gericht und schließlich die Guillotine. Ein Film mit wahrer Geschichte scheint einerseits sehr einfach, weil es für alles eine Referenz gibt. Andererseits ist so ein Film eine Herausforderung, da die echten Motive meist unspektakulär und wenig „filmisch“ sind. So haben wir uns die Freiheit genommen, sein Dorf und sein Leben im Film nach Südtirol zu verlegen, um einen visuellen Kontrast zwischen einem idyllischen Leben in den Bergen und der Tristesse der dunklen Gefängnisse zu zeichnen.

Mein Lieblingsset war Jägerstätters Bauernhaus, das Hauptmotiv. Es ist ein Haus aus dem 18. Jahrhundert, das sich noch komplett im Originalzustand befindet. Wir mussten lediglich den Brunnen und ein paar Zäune bauen und die Möbel und ein paar Requisiten dazustellen. Die Arbeit mit den Tieren hat enormen Spaß gemacht. Die Kuh tat nie das, was sie sollte. Der niedliche, streichelzahme Esel, der das ganze Team beruhigt hat, die Schweine, die Hühner und die restlichen Tiere haben sehr geholfen, das Bild zu vervollständigen

EIN VERBORGENES LEBEN zeigt das Leben der Familie Jägerstätter zu verschiedenen Jahreszeiten. Terrence Malick hat bei diesem Film angeblich mehr auf das Wetter als auf die Tagesdisposition geachtet. Was bedeutete das für Deine Arbeit?

Terrence nennt es „Quail Hunting“ (Wachteljagd): Er ist immer auf der Suche nach dem perfekten Licht, dem perfekten Moment. Es kann schon mal vorkommen, dass er inmitten einer Szene mit dem Kameramann und dem Hauptdarsteller dem Licht hinterhereilt und erst nach einer halben Stunde wieder zum eigentlichen Set zurückkommt.

Nicht nur dem Licht, auch den Darstellern versucht er, den besonderen Moment zu entlocken, indem er eine Szene endlos weiterlaufen lässt, bis sich der Darsteller nicht mehr beobachtet fühlt. Terrence dreht unendlich viel Material – und irgendwo und irgendwann stimmt die Komposition aus Bild und Schauspiel. Länger als der Dreh dauert nur der Schnitt. Fast drei Jahre hat er für EIN VERBORGENES LEBEN benötigt, um die richtigen Bilder zusammenzuschneiden, bis das Meisterwerk vollendet war.

Bei der Suche nach den passenden Motiven war die Ausrichtung zur Sonne oft entscheidend. „The sun is our Best Boy“, hat Terrence immer gesagt und künstliches Licht dabei verschmäht. Sogar die Innenmotive brauchten natürliches Licht bzw. Fenster auf der richtigen Seite. Stimmten Licht, Wetter und Schauspiel, hieß es noch lange nicht, dass die Motive das auch taten… Oft drehte Terrence an einer ganz anderen Stelle, als abgesprochen war, “flowing like water around the rocks”. Das bedeutete, dass wir nicht nur die eigentlichen Sets, sondern meistens auch die gesamte Umgebung bestmöglich ausstatteten, um das historische Bild zu gewährleisten.

Du hast mit Studio Babelsberg bei mindestens 10 Produktionen zusammengearbeitet, darunter DER PIANIST, INGLOURIOUS BASTERDS und ANONYMUS. Wie ist die Zusammenarbeit mit dem Art Department? Was hat sich über die Jahre an der Arbeitsweise geändert?

Ich habe eine sehr starke Verbindung mit dem Studio Babelsberg. Hier habe ich mein Handwerk gelernt und bin mit diesem Handwerk gewachsen. Als ich vor 20 Jahren an dem ersten internationalen Film mit dem Studio zusammengearbeitet habe (GANGSTER NO 1), haben die Produktionen noch alle ihre Heads of Departments, oft aber auch viele Handwerker mit nach Berlin/Babelsberg bringen müssen, um die Qualität für eine große internationale Produktion zu gewährleisten. Über die Jahre wuchsen die Babelsberger Handwerker und die anderen Positionen an ihren Aufgaben und schon bald waren immer weniger Fachkräfte aus dem Ausland nötig. Bei meinem ersten Projekt als Production Designer – bei ANONYMUS – war es mir ein besonderes Anliegen, alle Mitarbeiter meiner Abteilung mit lokalen Kräften zu besetzen.

Leider ist das mit Production Designern anders. „The grass is always greener on the other side”: Mit meinem Schritt vom Art Director zum Production Designer bekam ich immer mehr Angebote im Ausland und immer weniger in Berlin. Ich hoffe, das wird sich bald wieder ändern, denn ich sehne mich nach der guten Zusammenarbeit mit dem Studio. Bei meinen letzten Produktionen in Südafrika (AROUND THE WORLD IN 80 DAYS), in China (PROJECT X-TRACTION mit Jackie Chan), in Thailand (THE MECHANIC), in Singapur (AGENT 47) oder in Hamburg (A MOST WANTED MAN) habe ich jedes Mal die verlässliche Hilfe und das Können des Art Departments des Studio Babelsberg vermisst.

Das Art Department ist heute nicht nur qualitativ unglaublich gut und verlässlich, es ist auch preislich sehr attraktiv. Die Anpassung an moderne, computergesteuerte Arbeitsweisen hat das Art Department verstanden und integriert und verfügt nun über die modernsten und wettbewerbsfähigsten Werkstätten, die ich kenne. Ich hoffe, zukünftig wieder mehr in Berlin arbeiten zu können und freue mich auf die weiteren 20 Jahre mit dem Art Department!

 

Fotos: © Iris Productions Inc., © Fox Searchlight, © Pandora Film, © Reiner Bajo

 
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